Krankenhausschließungen: Zu kurz gedacht

Weniger ist nicht mehr – nicht bei der Patientenversorgung

Krankenhausschließungen: Zu kurz gedacht

Laut einer von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen Studie des Berliner Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) gäbe es in Deutschland zu viele Krankenhäuser. Eine Reduzierung auf weniger als die Hälfte der Kliniken „würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern.“

Sandra Leurs, Bundesbeauftragte für Gesundheit und Pflege der Piratenpartei kommentiert:

„Seit Jahren gehen Fach- und Pflegekräfte in Deutschland auf die Straße, weisen auf den drastischen Pflegenotstand hin und fordern endlich eine gesetzlich geregelte Personalbemessung, bessere Arbeitsbedingungen, Konzepte der Fort- und Weiterbildung und einen Imagewandel der Pflegeberufe. Den herrschenden Pflegekollaps mit einer geringeren Anzahl an Krankenhäusern entgegenwirken zu wollen, nachdem die Politik hier Jahre geschlafen hat, ist nicht nur zynisch, sondern geradezu grotesk. Dies gilt nicht nur für die Fach- und Pflegekräfte sondern auch für die Patienten. Weniger Kliniken bedeuten nicht weniger Patienten sondern weniger Versorgung. Die bereits am Limit arbeitenden Menschen in den Krankenhäusern hätten allenfalls längere Anfahrtswege zu ihrer Arbeitsstelle.“¹

Der Eindruck, den „normale“ Kassenpatienten – also fast 90 Prozent der Deutschen – von der Gesundheitsversorgung im Lande haben, ist zunehmend verheerend. In vielen Arztpraxen werden die Wartezeiten lang und länger, und trotz des neuen „Gesetzes für schnellere Termine“ kann es vor allem bei Fachärzten viele Wochen dauern, bis man drankommt. Jetzt wird offenbar auch darüber nachgedacht, die Krankenhauslandschaft kräftig auszudünnen – die Studie der Bertelsmann-Stiftung bereitet den Weg dafür. Vom drohenden Kahlschlag sprechen Patientenschützer. Dabei sind viele Kliniken bereits geschlossen worden. Oder aus ländlichen Krankenhäusern wurden Fachkliniken, etwa für Geriatrie (Altersheilkunde). Für Angehörige werden die Wege ans Krankenbett oft allzu lang, und weil es an Pflegepersonal mangelt, fühlt sich mancher Patient alleingelassen. Ist die Krankheit nicht lebensbedrohlich, wird eine Operation auch gern einmal verschoben, weil die OP-Kapazitäten fehlen. Mangelverwaltung überall, vor allem gesetzlich Versicherte fühlen sich benachteiligt.

Doch es wäre ungerecht, nur zu jammern: Viele Kranke erleben den medizinischen Fortschritt als beeindruckend. Wem eine minimalchirurgische Tumoroperation geholfen hat, wer nach einem Oberschenkelhalsbruch ein künstliches Hüftgelenk erhielt oder wen eine Stroke Unit vor dem Schlaganfall bewahrte, der weiß die ärztliche Kunst zu schätzen. Weil dieser Fortschritt erstens Spezialwissen erfordert und zweitens hohe Kosten verursacht, suchen Politiker, Mediziner und Krankenkassen nach Wegen der Rationalisierung. Klar ist, dass erfahrene Fachleute bessere Arbeit leisten können, und ebenso einleuchtend ist, dass eine gewisse Konzentration der Behandlung (also: „Massenabfertigung“) dabei hilft, die Kosten je Einzelfall zu senken. Die pauschale Forderung nach Klinik-Schließungen ist aber zu kurz gedacht. Zu prüfen ist zunächst, ob die vorhandenen Häuser sich sinnvoll die Arbeit teilen können. Und selbstverständlich sind Vorgaben zu ändern, wenn sie Kliniken dazu verführen könnten, sich mit unnötigen Operationen die Kassen zu füllen.

Das von Experten für die Konzentration auf weniger Krankenhäuser vorgebrachte Argument, dass es an erfahrenem Fachpersonal mangele, wirkt zum Teil nur vorgeschoben: So wäre es ein Leichtes, mehr Ärzte auszubilden. Dafür müssten Ausbildungskapazitäten erweitert und Zulassungsbeschränkungen gesenkt werden.

Am Ende geht es also ums Geld: Wie viel sind Gesundheit und Fortschritt uns wert?²

¹Piratenpartei Deutschland ²Martin Krause – Neue Westfälische

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