Lanuv: Fast jeder NRW-Bürger hatte Zugang zu Wilke-Wurstwaren

Ein Wurstskandal mit Ansage

Lanuv: Fast jeder NRW-Bürger hatte Zugang zu Wilke-Wurstwaren

Beim Blick in die Zukunft könnte man Hoffnung schöpfen. Sowohl Prisca Hinz (Grüne), Verbraucherministerin in Hessen, wie auch ihre Amtskollegin Ursula Heinen-Esser (CDU) in Nordrhein-Westfalen, versprechen viel: mehr vorsorgliche Kontrollen bei Lebensmitteln, mehr Transparenz, mehr Aufklärung. Transparenz und Aufklärung wären jetzt schon angebracht. Nicht nur wurden die Namen der Lebensmittelhändler noch nicht veröffentlicht, die Wilke-Wurst an die Endverbraucher geliefert haben.

Vor allem haben Klinikpatienten und ihre Angehörigen ein Anrecht auf volle Information. Dass eine Kreisverwaltung nicht den Namen des Krankenhauses nennen kann, das Wilke-Wurst mutmaßlich bezogen hat, ist unerträglich. Sicher, man muss die Situation nicht dramatisieren. Gesunde Menschen haben genug Abwehrkörper, um mit den Keimen zurechtzukommen. Doch darf man auch nicht verharmlosen: Von den jährlich zwischen 300 und 600 Erkrankungen mit Listeriose enden in Deutschland durchschnittlich sieben Prozent tödlich.¹

Das Landesamt für Umwelt- und Naturschutz (Lanuv) geht davon aus, dass fast jeder NRW-Bürger Zugang zu Wilke-Waren hatte. „Wilke war ein großer Lieferant und stellte auch Vorprodukte für Eigenmarken anderer Unternehmen her. Flächendeckend dürfte fast jeder Verbraucher in NRW einen Zugang zu den Waren der Firma Wilke gehabt haben“, sagte Lanuv-Sprecher Wilhelm Deitermann der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

Vom Rückruf der Wilke-Wurstwaren seien in Nordrhein-Westfalen Hunderte Unternehmen betroffen. „Wilke selbst hat seine Kunden, dazu gehören Großhändler, Altenheime, Krankenhäuser und andere Betriebe, über seine Kundenliste angeschrieben und zum Rückruf aller Wurst- und Fleischwaren aufgefordert. Nun überwachen die Kreisveterinärämter als zuständige Behörden, ob auch wirklich alle Wilke-Waren aus den Regalen verschwinden“, so Deitermann.

Es ist wieder so weit: Deutschland wird von einem neuen Lebensmittelskandal erschüttert. Die Listerien-Funde in Wurstwaren der Firma Wilke reihen sich ein in eine lange Kette: BSE-Skandal, Fipronil in Eiern, Pferdefleisch in Lasagne und Ehec-Keime auf Gemüse sind da nur ein paar Stichworte. Schon immer haben verdorbene Lebensmittel Menschen krank gemacht. Dass der Wilke-Wurstskandal so viele Verbraucher betrifft, liegt an der zunehmend industrialisierten Herstellung von Lebensmitteln. Wenn ein Hersteller schlampt, hat es gleich gewaltige Auswirkungen.

Die gute Nachricht: Das Kontrollwesen in Deutschland funktioniert. Die Hygienevorschriften sind streng, vor allem für die Herstellung von Frischwaren wie Milch, Wurst oder Käse. Zudem müssen Hersteller detaillierte Kundenlisten führen, damit bei Zwischenfällen Rückrufe auch flächendeckend durchgeführt werden können. Das scheint bei Wilke Wurst gut zu funktionieren. Dass bereits die Staatsanwaltschaft ermittelt, lässt befürchten, dass die hygienischen Zustände in dem Betrieb ekelhaft waren. Die schlechte Nachricht ist, dass Behörden nicht sofort die Listen von betroffenen Unternehmen, Kliniken und Heimen offenlegen, sondern stattdessen das Ausmaß des Skandals Stück für Stück ans Licht kommt – und das auch nur auf Druck von Verbraucherschutzorganisationen.

Mehr Transparenz und vollständige Aufklärung sind hier angesagt. Aber auch Verbraucher müssen sich an ihre Nase fassen: Wer Obst, Fleisch und Gemüse immer billiger haben will und so wenig wertschätzt, darf sich über skandalanfällige, industrialisierte Fertigung nicht wundern. Wer sein Fleisch beim regionalen (Bio-)Metzger seines Vertrauens kauft, dürfte weniger rasch Opfer eines Lebensmittelskandals werden.²

¹Westfalen-Blatt ²Rheinische Post

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