Schon 9.000 E-Scooter in Berlin, Großteil in der Stadtmitte

E-Scooter - kein ungebremster Spaß

Schon 9.000 E-Scooter in Berlin, Großteil in der Stadtmitte

In Berlin stehen bereits rund 9.050 Leih-Tretroller zum Ausleihen bereit. Das hat eine Datenanalyse des Beratungsunternehmens Civity exklusiv für rbb|24 ergeben. Seit der ersten rbb-Datenanalyse Anfang Juli hat sich die Zahl der E-Scooter damit fast verdoppelt. Nach wie vor stehen jedoch 66 Prozent der E-Scooter in den Bezirken Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg.

„Die Scooter-Revolution für die ganze Stadt bleibt aus. Die Analyse zeigt eindeutig, dass außerhalb des S-Bahn-Bereichs fast gar keine E-Scooter unterwegs sind“, fasst Datenanalyst Benno Bock von Civity das Ergebnis zusammen. Am 7. August hatten die E-Scooter-Verleiher mit Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) vereinbart, dass sie ihre Verleihgebiete sukzessive über die Innenstadt-Areale hinaus vergrößern. Diese Verabredung basiert aber auf Freiwilligkeit – schriftliche Vereinbarungen wurden nicht getroffen.

Senatsverwaltung ging bis vor kurzem von 5.000 E-Scootern aus

Auch was die Flottengröße betrifft, haben die Anbieter die Verkehrsverwaltung offenbar im Unklaren über ihr dynamisches Wachstum gelassen. Die Verwaltung kommunizierte bis vor kurzem, dass lediglich 5.000 E-Scooter in Berlin unterwegs seien.

Die neuen Zahlen zeigen: Allein der größte Anbieter Lime kommt in Berlin auf eine Flottengröße von 3190 Stück, danach folgen TIER mit 2540 Stück, Circ mit 2400 Stück und VOI mit 920 Stück. Die Anbieter widersprachen den Zahlen auf Anfrage nicht oder bestätigten diese. Der neu gestartete Anbieter BIRD war im Auswertungszeitraum (12. Bis 20. August) noch gar nicht in Berlin präsent.

München und Hamburg hatten Obergrenze mit Anbietern vereinbart

Hamburg und München hatten – anders als Berlin – schon vor dem Start der Verleihsysteme schriftliche Vereinbarungen mit den Anbietern getroffen. In München verpflichteten die Anbieter sich beispielsweise, nicht mehr als 1.000 E-Scooter innerhalb des mittleren Autobahn-Rings aufzustellen. Auf dieser Fläche leben nach Auskunft der Stadt München rund 520.000 Menschen.

Diese Zahlen lassen sich nur bedingt auf Berlin übertragen, denn innerhalb des S-Bahn-Rings leben mit 1,1 Millionen Menschen rund doppelt so viele Menschen wie innerhalb des Münchner Autobahn-Rings. Aber selbst wenn Berlin eine im Vergleich zu München doppelt so hohe Obergrenze von 2.000 E-Scootern innerhalb des S-Bahn-Rings definiert hätte, wäre diese von drei der vier Anbieter mittlerweile deutlich überschritten.¹

E-Scooter-Fahren macht Spaß. Die Autorin dieser Zeilen hat es in Berlin-Mitte ausgiebig probiert und fand es großartig. Man schwebt und schlängelt mit Leichtigkeit durch die Stadt. Kein Wunder, dass die kleinen Flitzer ein großes Geschäft sind. Ein ungebremster Spaß können sie dennoch nicht sein.

Die E-Scooter sind auch deshalb mit für Deutschland erstaunlicher Großzügigkeit für den Verkehr zugelassen worden, weil man sie als Teil einer Verkehrswende sah. Zur Begründung, dass die E-Roller auf die Straße müssen, wurde stets die letzte Meile angeführt. Doch diese letzte Meile zum Beispiel von der S-Bahn zum Arbeitsplatz haben die Menschen bisher zu Fuß, mit dem Rad oder auch dem Bus zurückgelegt. Der E-Scooter sorgt nicht für weniger CO2-Ausstoß. Im Gegenteil: Zumindest in Städten mit vielen Touristen dürften die E-Scooter sogar für mehr Verkehr sorgen, weil es schlicht Spaß macht, mit ihnen herumzudüsen.

Während üblicherweise in Deutschland alles haarklein geregelt wird, herrscht bei den E-Scootern in Teilen Wildwest-Manier. Es gab rund um ihre Straßenzulassung viel Euphorie. Sie symbolisierten nach dem Diesel-Skandal den Aufbruch in ein Zeitalter der emissionsfreien Fortbewegung, in dem wir per App zwischen vielen Fahrgelegenheiten ohne Verbrennungsmotoren wechseln. So weit die Theorie. So leicht wie das Fahren von E-Scootern ist die Sache mit der Verkehrswende aber nicht. Die Geräte haben eine relativ kurze Lebenszeit und werden schnell verschrottet.

Die Bundesregierung sollte unbedingt neben ihrer Evaluierung zur Verkehrssicherheit auch eine valide Studie zur Öko-Bilanz der E-Scooter in Auftrag geben. Mögliches Ergebnis: Das Fahrrad ist dem E-Scooter in Sachen Klimaschutz haushoch überlegen.²

¹Rundfunk Berlin-Brandenburg ²Eva Quadbeck – Rheinische Post

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