Und was jetzt Greta?

Träger des Alternativen Nobelpreises

Und was jetzt Greta?

So unterschiedlich die vier Preisträger des diesjährigen Alternativen Nobelpreises sind, eine Klammer eint sie: der Kampf für soziale und ökologische Rechte. Das gilt für die schwedische Schülerin Greta Thunberg wie für die chinesische Frauenrechts-Anwältin Guo Jianmei; das gilt für die sahrauische Menschenrechtlerin Aminatou Haidar wie für den indigenen Brasilianer Davi Kopenawa vom Volk der Yanomami. Alle eint das Anliegen, die ökologische und soziale Frage in der Gesellschaft miteinander auszusöhnen – ein Anliegen, an dem bisher jede moderne Gesellschaft gescheitert ist, weil entweder der Naturverbrauch über dem auf einem begrenzten Planeten dauerhaft Möglichen liegt oder die Verteilungsgerechtigkeit jenseits des für viele Erträglichen.

Die Yanomami im Amazonas-Gebiet zeigen seit Jahrhunderten wie nachhaltiges Leben im Urwald möglich ist, dem Wald nicht mehr zu entnehmen als nachwächst. Übertragbar auf die immer städtischer werdenden globalen Gesellschaften ist das freilich nicht, Wohlstand ist dort weit materieller definiert. Die Herausforderung aber besteht objektiv: Wenn es der Welt, angefangen von den Zentren, nicht gelingt, den Übergang von der fossilen in eine solare, solidarische Gesellschaft und Produktionsweise zu schaffen, wird die Spezies Mensch von der Erde verschwinden. Und Thunberg hat mit ihrer Politikerschelte recht: »Wie könnt ihr es wagen so zu tun, als könne das mit ‚Business as usual‘ und ein paar technischen Lösungen gelöst werden?«¹

Die Bewegung Fridays for Future bekommt gerade maximale Aufmerksamkeit. Jetzt muss der nächste Schritt folgen.

Hunderttausende in Deutschland, Millionen Menschen weltweit protestieren für eine bessere Klimapolitik: Der 20. September fühlte sich an wie ein Höhepunkt der Fridays for Future-Bewegung. Und es ging weiter: Greta Thunberg, Gesicht und Stimme der Bewegung, redete zur Eröffnung des UN-Klimagipfels, soll den alternativen Nobelpreis bekommen und ist sogar für den Friedensnobelpreis nominiert. Was kann da noch kommen?

Die Geschichte der Bewegung ist so unwahrscheinlich wie erstaunlich: ein 15-jähriges Mädchen beschließt im Spätsommer 2018, nicht zur Schule zu gehen, sondern vor dem schwedischen Parlament „für das Klima“ zu demonstrieren. Sie trifft einen Nerv, die Medien berichten, weltweit finden sich Nachahmer. Auch in Deutschland, wo die öffentliche Debatte sich zunächst weniger mit den Zielen der Bewegung als mit ihrer Form beschäftigt. Dürfen Schüler für politische Ziele streiken? Und ist das sinnvoll? Bis heute prägt die Frage, welche Formen jugendlichen Engagements sowohl sozialadäquat als auch erfolgversprechend sind, die Diskussion rund um Fridays for Future. Und das ist nicht der einzige Diskurs auf Metaebene, der sich rund um die Bewegung entsponnen hat: Die grundsätzliche Frage, wie sich radikale Ziele gewaltfrei vertreten lassen, ist zu einer Kernfrage der Bewegung geworden.

Aus der sich auch die so unterschiedliche Bewertung der Thunberg-Rede vor den UN ableiten lässt: Wie viel Emotionalität ist einer Sache dienlich? Ist es die nüchterne Präsentation von Fakten, die Skeptiker überzeugt? Oder sind Wut und Verzweiflung angebrachter? Und: Wie ist mit Hass und Häme in den sozialen Netzwerken umzugehen? Damit hat die Bewegung spannende Fragen aufgeworfen. Das allein ist bereits ein großes Verdienst. Doch auch in ihrem Kernanliegen ist die Bewegung erfolgreich. Klimawandel ist zum Tagesthema geworden. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über Dürre, Überschwemmung, Gletscherschmelze oder Waldsterben berichtet wird. Die Allgegenwärtigkeit des Themas bringt den einzelnen zum Nachdenken und erhält den Druck auf die Politik.

Damit hat Fridays for Future, auch wenn sie noch weit vom Erreichen ihrer eigentlichen Ziele entfernt ist, schon auf mehreren Ebenen viel erreicht. Doch die Omnipräsenz des Themas birgt auch die Gefahr des Überdrusses: Manch einer winkt schon jetzt genervt ab, wenn von CO2 die Rede ist. Und das spielt all jenen in die Hände, die den Klimawandel für ein Naturphänomen und Fridays for Future für eine Greta-Religion halten. Wenn die Fridays-for-Future-Bewegung momentan auf dem Höhepunkt steht, dann entscheidet sich in den kommenden Wochen, ob sie sich dort wird halten können. Es wird schwerer werden: Das revolutionäre Element des Schulstreiks verliert an Wirksamkeit, je mehr es zur Routine wird. Manch einer, der aus Spaß an der Provokation dabei war, wird die Motivation verlieren.

Und angesichts des vom Bundeskabinett frisch beschlossenen Klimapakets wird auch der Gegenwind all jener stärker werden, die die Ziele der Bewegung für überzogen halten. Viel hängt daher jetzt von den vielen kleinen, lokalen Gruppen ab. Denen muss es gelingen, den Schwung der globalen Bewegung zu nutzen, um konkreten, lokalen Zielen Nachdruck zu verleihen. Wer sich vor Ort beispielsweise für die Verbesserung der ÖPNV-Angebote und die nachhaltige Produktion von Strom und Nahrung einsetzt, der nimmt dem Kampf gegen den Klimawandel die Abstraktheit. Und führt die Bewegung so auf die nächste Ebene. Denn so wichtig es ist und bleibt, Regierungen weltweit an ihre Verantwortung zu erinnern: Streik und Protest ist nur der erste Schritt. Wirkliche Veränderung beginnt mit dem Handeln.²

¹neues deutschland ²Katia Meyer-Tien – Mittelbayerische Zeitung

DasParlament

Eine Antwort auf "Und was jetzt Greta?"

  1. Buerger   Montag, 7. Oktober 2019, 9:59 um 9:59

    Gretel Thunfisch kann nichts dafür………..

    https://www.achgut.com/artikel/die_thunberg_ernmans_eine_unendlich_traurige_familiengeschichte?fbclid=IwAR1JDsFFpgN4RHcTu13k5ISMcUuo2V7NKn2Dc_7HRkeT2cVa9W6DimgdBzk

    Antworten